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Auf ein Akademisches Viertel mit Zainab Zahedi

„Mir ist wichtig zu zeigen, dass ein Studium möglich ist.“

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Am 12. Dezember nahm Zainab Zahedi auf der Bühne des Lichthofes vor rund 450 Gästen ihr Bachelorzeugnis entgegen. Es ist ein feierlicher Moment und einer, der weit über diesen Tag hinausreicht.

Vor 10 Jahren kam Zainab als 14-Jährige mit ihrer Familie nach Deutschland. Heute ist sie Bachelorabsolventin, Masterstudentin, Stipendiatin, berufstätig, engagiert und eine junge Frau, die Verantwortung übernimmt: für sich selbst, für ihre Familie und für andere.
In diesem Gespräch erzählt sie von ihrem Weg. Von Bildung als Chance, von Willenskraft, von Solidarität und davon, was es heißt, in einer Gesellschaft seinen Platz nicht geschenkt zu bekommen, sondern ihn sich zu erarbeiten.

 

Zainab, im Dezember haben Sie im Beisein Ihrer Familie Ihr Bachelorzeugnis erhalten. Was ging Ihnen an diesem Tag durch den Kopf?

Es war ein sehr emotionaler Moment. In dem Augenblick sind viele Bilder gleichzeitig in meinem Kopf aufgekommen. Der Weg nach Deutschland, meine Ankunft, die ersten Schuljahre, die Unsicherheit aber auch die Menschen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben. Als ich meine Familie gesehen habe, wusste ich, dass dieser Abschluss nicht nur mein persönlicher Erfolg ist, sondern ein gemeinsamer. Für meine Eltern war Bildung nie selbstverständlich und genau deshalb hatte dieser Tag für uns alle eine besondere Bedeutung. Es war ein Moment des Dankes und auch der Motivation, den Weg mit dem Masterstudium weiterzugehen.

 

Was hat Ihnen am Bachelorstudium an unserer Fakultät gefallen und gab es ein Modul, ein Projekt oder eine Erfahrung, die Sie besonders geprägt hat?

Die große Vielfalt an Möglichkeiten, sich über die Lehre hinaus zu engagieren, ist auf jeden Fall ein besonderes Merkmal dieser Fakultät. Neben den fachlichen Inhalten gab es viele Angebote, sich auszuprobieren und eigene Interessen zu vertiefen. Für mich war insbesondere das Engagement bei Janus Consultants e.V. prägend. Dort konnte ich früh praktische Erfahrungen sammeln und vor allem meine Soft Skills weiterentwickeln, zum Beispiel im Projektmanagement und der Teamarbeit.

 

Sie sind als Jugendliche nach Deutschland gekommen und haben hier Ihren gesamten Bildungsweg neu aufgebaut. Wenn Sie heute zurückschauen: Was war die größte Herausforderung auf dem Weg zu dem Menschen, der Sie heute sind?

Der Fluchtweg war für jeden, der ihn gehen musste, lebensgefährlich. Es gab Momente, in denen man dem Tod sehr nahe war, und sie trotzdem überlebt hat. Dieses Überleben fühlte sich wie eine zweite Chance an. Danach wird einem bewusst, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Man beginnt, jeden Augenblick mehr zu schätzen und versucht, das Beste daraus zu machen. Ich hoffe, dass alle Menschen, die diesen Weg in der Hoffnung auf ein besseres Leben gegangen sind, diese Chance nutzen können und sich nicht von ihrer Vergangenheit und der Gesellschaft definieren lassen.

Die Orientierung in einem vollkommen neuen Leben war eine der größten Herausforderungen - besonders in der Anfangszeit. Inhalte aus den Schulbüchern musste ich Wort für Wort übersetzen und gleichzeitig verstehen, lernen und anwenden. Lernen bedeutete also nicht nur fachliche Anstrengung, sondern war auch sprachlich und mental sehr fordernd. Hinzu kam der Umgang mit Behörden und bürokratischen Abläufen, die ohne ausreichende Sprachkenntnisse und klare Orientierung besonders schwierig waren. Vieles musste ich mir allein erschließen. Diese Phase war voller Unsicherheit aber sie hat auch meinen Willen gestärkt, weiterzumachen. Dieser Prozess, mein Leben von null an neu aufzubauen, mit all den schönen und unschönen Momenten, mit Tränen und Lachen, hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Und mir ist bewusst, wie privilegiert ich bin, diese Herausforderungen bestanden zu haben.

 

Bildung zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Geschichte – für Sie selbst, aber auch für Ihre Familie. Welche Bedeutung hat Bildung für Sie heute?

Bildung ist für mich etwas, das über Generationen hinweg nicht gegeben war. Die Geschichte der Bevölkerungsgruppe Hazara in Afghanistan ist geprägt von systematischer Ausgrenzung, auch im Bildungsbereich. Als ethnische und religiöse Minderheit hatten viele Hazara-Familien lange keinen realen Zugang zu formaler Schulbildung. Wer das Buch „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini gelesen hat, hat eine Vorstellung davon, wie stark gesellschaftliche Hierarchien und Machtverhältnisse das Leben bestimmter Bevölkerungsgruppen bestimmt haben. Für viele Hazaras war Bildung kein geschütztes Recht. 

Besonders für Frauen ist Bildung kulturell und strukturell stark eingeschränkt, leider wieder seit 2021. Meine Mutter konnte nur bis zur dritten Klasse zur Schule gehen. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil Bildung für Mädchen weder vorgesehen noch abgesichert war und ist. Deswegen hat Bildung für Frauen eine außergewöhnliche Bedeutung. Sie steht nicht nur für Wissen, sondern für Selbstbestimmung und Sichtbarkeit. Dass Schulen, Universitäten und gebildete junge Frauen immer wieder Ziel von Gewalt wurden, zeigt, wie bedrohlich Bildung für unterdrückende Strukturen ist. Lernen wurde zu einem Akt des Widerstands. Für mich steht Bildung für das, was meiner Familie, insbesondere den Frauen, lange verwehrt blieb und für eine Verantwortung gegenüber meiner Geschichte und all jenen, deren Potenzial bis heute durch strukturelle Ungleichheit begrenzt wird.

 

Sie engagieren sich neben Studium und Arbeit auch für Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte. Was hat Ihnen selbst am meisten geholfen und was geben Sie heute weiter?

Rückblickend hätten mir vor allem mehr Beratung und Unterstützung geholfen sowie Vorbilder, die Mut machen und Orientierung geben. Stattdessen lag der Fokus oft darauf, möglichst schnell ins Berufsleben einzusteigen, während ein Studium selten als realistische Option vermittelt wurde. Heute versuche ich, genau dort anzusetzen. Neben der Organisation von Veranstaltungen und Kundgebungen ermutige ich in meiner Community insbesondere junge Frauen, an ihre eigenen Ziele zu glauben und ihren Bildungsweg konsequent weiterzugehen. 

Mir ist wichtig zu zeigen, dass ein Studium möglich ist und dass Zweifel oder Umwege kein Zeichen von Schwäche sind. Einige Frauen haben mir inzwischen zurückgemeldet, dass sie durch meine Geschichte mehr Vertrauen in sich selbst gewonnen haben und nun selbst ein Studium anstreben. Das empfinde ich als große Ehre und als starke Motivation, dieses Engagement fortzusetzen.

 

Sie erleben Deutschland sowohl als Chance als auch als Herausforderung. Wo wünschen Sie sich mehr Aufmerksamkeit oder ein genaueres Hinschauen im Alltag?

Ich wünsche mir mehr politisches Bewusstsein im Alltag. In meinem Umfeld erlebe ich häufig, dass Politik als zu kompliziert oder zu belastend wahrgenommen wird und viele versuchen, sich möglichst davon fernzuhalten. Aber politische Entscheidungen betreffen unser tägliches Leben immer, auch dann, wenn man sich nicht bewusst damit auseinandersetzt.

Mir ist wichtig, dass sich mehr Menschen mit politischen Themen beschäftigen, sich eine eigene Meinung bilden und einen Perspektivwechsel zulassen. Dazu gehört auch, nicht ausschließlich auf mediale Darstellungen zu vertrauen, sondern gezielt das Gespräch mit Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Lebensrealitäten zu suchen und ihre Erfahrungen ernsthaft anzuhören. 

 

Sie studieren nun im Master. Welche fachlichen oder persönlichen Ziele verfolgen Sie im Masterstudium? 

Im Master möchte ich Zusammenhänge noch besser verstehen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden. Schon immer habe ich meine Zukunft nicht nur in einer Disziplin gesehen. Genau deshalb habe ich mich für Wirtschaftsingenieurwesen entschieden. Mich interessiert die Schnittstelle zwischen Technik, Wirtschaft und Gesellschaft und die Frage, wie komplexe Probleme ganzheitlich betrachtet werden können.

Gleichzeitig ist mir wichtig, mich auch im Master nicht nur auf das Studium zu beschränken. Ich möchte weiterhin Räume finden, in denen ich mich engagieren und meine Erfahrungen einbringen werde und mich zugleich persönlich weiterentwickeln kann. Es ist deshalb ein großes Glück für mich, dass ich ab 2026 Stipendiatin im Stipendien- und Mentoringprogramm GEH DEINEN WEG (GDW) bin. Auf die Mentoring-Partnerschaft und dieses beeindruckende Netzwerk, zu dem ich dann gehöre, freue ich mich schon sehr.

 

Sie möchten nach dem Studienabschluss schnell ins Berufsleben einsteigen, um Verantwortung zu übernehmen. Worauf blicken Sie mit Zuversicht, wenn Sie an Ihre Zukunft denken?

Die praktischen Erfahrungen, die ich neben dem Studium sammeln konnte und die Fähigkeiten, die daraus entstanden sind, lassen mich zuversichtlich in die Zukunft schauen. Durch das Studium, meine Werkstudententätigkeit und studentisches Engagement habe ich gelernt, dass Arbeit, Lernen und persönliche Entwicklung eng zusammengehören. Man kann sich in neue Aufgaben hineinfinden, auch wenn man nicht alles von Anfang an weiß. Dieses Vertrauen in den eigenen Lernprozess gibt mir Sicherheit für den nächsten Schritt ins Berufsleben.

 

Vielen Dank für Ihre Auskünfte. 

 

Die Fragen stellte Birgitt Baumann-Wohlfahrt.