Es sind jene besonderen Momente im akademischen Leben, in denen wissenschaftliche Exzellenz und persönliche Verbundenheit auf eindrucksvolle Weise zusammenfinden. Am 26. Juni war ein solcher Tag. Mit ihrer Antrittsvorlesung erlangte Dr. Carolin Kellenbrink die venia legendi – die Lehrbefugnis für das Fach Betriebswirtschaftslehre. Auf dem Conti-Campus kamen dazu nicht nur Kolleginnen und Kollegen, sondern auch zahlreiche Familienmitglieder, ehemalige Weggefährten sowie langjährige Forschungspartner zusammen.
Professor Dr. Stefan Helber, akademischer Lehrer und Doktorvater von Carolin Kellenbrink am Institut für Produktionswirtschaft, eröffnete die Feier mit einem Blick auf die Geschichte der Habilitation. Seit dem 19. Jahrhundert stehe sie für das Recht und zugleich die Verpflichtung, Forschung und Lehre eigenständig zu vertreten. Die venia legendi, so Stefan Helber, sei deshalb weit mehr als eine formale Auszeichnung. Sie dokumentiere wissenschaftliche Reife, die Fähigkeit zu unabhängiger Forschung und die Bereitschaft, Verantwortung für kommende Generationen von Studierenden zu übernehmen.
Wie persönlich Wissenschaft sein kann, zeigte sich im Verlauf des Nachmittags. Mit bewegenden Worten wandte sich Stefan Helber später an seine ehemalige Doktorandin: „Ich bin dankbar, dass uns das Leben zusammengeführt hat und dass wir den Weg gemeinsam gegangen sind.“ Es war ein Augenblick, in dem deutlich wurde, dass akademische Karrieren von Vertrauen, Förderung und gemeinsamen Erfahrungen leben. Für ihn, so Stefan Helber, waren nicht nur die Aufsätze wichtig, sondern auch seine Aufgabe, sehr gute Hochschullehrerinnen und -lehrer auszubilden.
Auch Professor Dr.-Ing. Jörg Seume, Institut für Turbomaschinen und Fluid-Dynamik und langjähriger wissenschaftlicher Partner im Sonderforschungsbereich 871 „Regeneration komplexer Investitionsgüter", zeichnete das Bild einer jungen Wissenschaftlerin, die Menschen zusammenführt. Der SFB 871 war ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderter Forschungsverbund der Leibniz Universität Hannover, der von 2010 bis 2022 wissenschaftliche Grundlagen zur ressourcenschonenden Instandsetzung und Aufbereitung hochbelasteter technischer Komponenten am Beispiel ziviler Flugzeugtriebwerke erforschte.
Die Zusammenarbeit mit Carolin Kellenbrink sei für ihn wissenschaftlich wie menschlich eine große Bereicherung gewesen. Besonders hob er ihre Fähigkeit hervor, Forschende unterschiedlicher Disziplinen für gemeinsame Fragestellungen zu begeistern. Gerade dieses integrative Wesen habe wesentlich zum Erfolg der interdisziplinären Zusammenarbeit im Sonderforschungsbereich beigetragen.
In ihrer Antrittsvorlesung „Regeneration nach Maß – Individuelle Instandhaltungsprozesse für komplexe Investitionsgüter" zeigte Carolin Kellenbrink eindrucksvoll, warum wirtschaftswissenschaftliche Forschung für technische Innovation unverzichtbar ist. Im Mittelpunkt stand eine ebenso einfache wie hochkomplexe Frage: Wie lässt sich ein beschädigtes Investitionsgut möglichst wirtschaftlich reparieren?
Ob Turbinenschaufeln oder Rotorblätter von Windenergieanlagen – jedes Schadensbild erfordert individuelle Entscheidungen über Reparaturverfahren, Ressourcen, Zeit und Kosten. Nicht jeder technisch mögliche Reparaturweg ist zugleich der wirtschaftlich sinnvollste. Genau hier setzt ihre Forschung an: Mithilfe mathematischer Optimierungsmodelle entwickelt sie Entscheidungsunterstützungssysteme, die unterschiedliche Reparaturpfade, verfügbare Ressourcen und betriebswirtschaftliche Zielgrößen miteinander verbinden. Ziel ist es, für jeden Einzelfall den wirtschaftlich optimalen Regenerationsprozess zu bestimmen.
Wer Carolin Kellenbrink an diesem Nachmittag erlebte, bekam nicht nur Einblicke in anspruchsvolle mathematische Modelle und praxisnahe Forschung, sondern spürte auch die Begeisterung einer jungen Wissenschaftlerin für ihr Fach und ihre Freude am Erklären.
Beim anschließenden Empfang wurde deutlich, was den Nachmittag besonders machte. Zwischen wissenschaftlichen Gesprächen, persönlichen Erinnerungen und herzlichen Glückwünschen stand nicht die akademische Formalie im Mittelpunkt, sondern ein gemeinsamer Lebensweg. Die große Zahl an Familienmitgliedern, darunter vier Kinder, ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sowie langjährigen Weggefährten verlieh der Feier eine außergewöhnlich persönliche Atmosphäre und machte die Verleihung der venia legendi zu einem ebenso würdigen wie bewegenden Moment für die Fakultät.
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Autorin: Birgitt Baumann-Wohlfahrt