Mit großer Dankbarkeit und in stiller Trauer nehmen wir Abschied von Prof. Dr. Dr. h.c. Claus Köhler, der am 24. Juli 2025 im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Als einer der Gründungsväter unserer Fakultät vor nunmehr 51 Jahren hat er nicht nur Strukturen geschaffen, sondern eine Kultur des Miteinanders von Betriebs- und Volkswirtschaftslehre geprägt, die bis heute Bestand hat.
Wer ihm begegnete, spürte sofort seine besondere Mischung aus Klarheit, Neugier und Humor. Noch im vergangenen Jahr durften wir ihn anlässlich unseres Gründungsjubiläums in einem Zeitzeugeninterview erleben – lebendig, zugewandt und mit einem erstaunlich klaren Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Seine Erzählungen reichten von den bewegten Anfangstagen der Fakultät bis zu feinsinnigen Beobachtungen des heutigen Studierendenlebens.
Claus Köhler wurde 1928 in Berlin geboren. 1949 schloss er sein Studium als Diplom-Volkswirt an der Humboldt-Universität ab und promovierte bereits im November 1950 an der Freien Universität Berlin mit dem Thema „Die Bestimmungsgründe des Wechselkurses und die Antinomien seiner Stabilisierung“ zum Dr. rer. pol.
Neben seinen Tätigkeiten an Berliner Banken habilitierte er sich 1961 an der Technischen Universität Berlin, wo er bis zum September 1966 als Privatdozent für Volkswirtschaftslehre wirkte. 1966 folgte er dem Ruf an den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre der Technischen Hochschule Hannover, an der er bis zu seiner Berufung in das Direktorium der Deutschen Bundesbank 1974 als Lehrstuhlinhaber tätig blieb.
Von 1969 bis 1974 war Claus Köhler zugleich Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Nach seiner Pensionierung bei der Deutschen Bundesbank 1990 war er bis 1996 ehrenamtlich als Vorsitzender des Finanzausschusses im Verwaltungsrat der Treuhandanstalt tätig. Als gebürtiger Berliner war es auch eine Herzensangelegenheit für ihn, an der historischen Aufgabe mitzuwirken, 8.500 Staatsbetriebe der ehemaligen DDR mit mehr als 4 Mio. Beschäftigten in marktwirtschaftliche Strukturen zu überführen.
Als Claus Köhler am 28. November 1991 von Prof. Dr. Dr. h.c. Hinrich Seidel, Präsident der Universität Hannover, für seine Verdienste als Ausnahmewissenschaftler, sowohl in der ökonomischen Forschung und Lehre als auch in der wirtschaftlichen Beratung und in der Gestaltung der Wirtschaftspolitik, mit der Ehrendoktorwürde geehrt wurde, gab er in einem fulminanten Festvortrag mit dem Titel „Probleme des Übergangs von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft“ Einblick in die damaligen Herausforderungen europäischer Wirtschaftspolitik.
Die Tatsache, dass inzwischen von 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union 12 osteuropäische Volkswirtschaften den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vollzogen haben, lässt das damalige Fazit Köhlers heute visionär erscheinen: „Der Prozess des Übergangs von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft kann aufgehalten werden; er ist aber nicht mehr umkehrbar. Die osteuropäischen Länder und der Westen sind dazu verurteilt, die Herausforderungen, die sich aus der zweiten wirtschaftlichen Revolution ergeben, anzunehmen und ihnen gerecht zu werden.“
Claus Köhler genoss hohes Ansehen und hat als Volkswirt, als wirtschaftspolitischer Berater und ausgewiesener Experte die deutsche Geld‑ und Wirtschaftspolitik in Theorie und Praxis mitgeprägt. Zeugnis darüber legen auch seine Bücher ab, darunter das dreibändige Werk „Geldwirtschaft“ (1977-1983), „Internationalökonomie“ (1990) und „Wirtschaftspolitisches Umdenken in der globalen Welt“ (2019).
Welche Reputation er in der Geldpolitik genoss, verdeutlicht ein Zitat von Karl Otto Pöhl, von 1980 bis 1991 Präsident der Deutschen Bundesbank. Anlässlich des 60. Geburtstages von Claus Köhler attestierte er dem Jubilar im Vorwort einer Festschrift: „Sein beruflicher Lebensweg liest sich wie eine Spezialausbildung für eine Spitzenposition in der Bundesbank.“
Claus Köhler ist Träger des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland 1. Klasse (1982), des Großen Verdienstkreuzes (1988) und des Großen Verdienstkreuzes mit Stern (1990).
Der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät blieb Claus Köhler zeitlebens eng verbunden. Mit der Berufung in das Direktorium der Deutschen Bundesbank verlor die Universität zwar den Lehrstuhlinhaber, nicht aber den akademischen Lehrer. Trotz aller beruflichen Belastungen lehrte er bis 1996 als Honorarprofessor in Hannover.
Weggefährten bleibt der passionierte Fliegenträger auch mit seiner jugendlichen und dynamischen Ausstrahlung in Erinnerung. In seiner Laudatio anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Claus Köhler im Jahr 1991 erinnert sich Prof. Dr. Lothar Hübl, Emeritus der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät: „Ich hatte ja das Glück, die hannoversche Etappe auf Köhlers Lebensweg als Mitarbeiter einige Zeit begleiten zu dürfen. Bei aller beruflichen Anstrengung nahm er sich immer Zeit zu intensiver Diskussion und zu Gesprächen insbesondere über kontroverse Themen. Für alle beruflichen und auch persönlichen Anliegen seiner Mitarbeiter hatte er stets ein offenes Ohr.“
In seiner Ehefrau, Dr. Ingeborg Köhler-Rieckenberg, Volkswirtin und lange Jahre Leiterin der Außenwirtschaftsabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hatte Claus Köhler bis zu ihrem Tod 2015 eine stets wohlwollende und fachlich überaus versierte Beraterin an seiner Seite.
In seinen späten Schaffensjahren ist Claus Köhler ein Seniorenstift in Bad Soden zur Heimat geworden. Davon konnten sich im vergangenen Jahr Mitglieder der Fakultät bei ihrem Besuch im Taunus überzeugen. Als geschätztes Mitglied der dortigen Gemeinschaft, unverändert interessiert am politischen und wirtschaftlichen Zeitgeschehen und seine Kontakte aktiv pflegend, nahm er sich mit Freude einen ganzen Tag Zeit für die Fragen rund um die Gründung der Fakultät vor 50 Jahren. In Erinnerung geblieben ist an diesem 27. Februar 2024 auch ein Satz von ihm: „Ja, Hannover ist MEINE Universität.“
Wir werden Claus Köhler vermissen und sein Andenken in Ehren halten. Seine Ideen und seine Haltung haben Spuren hinterlassen und werden uns weiterhin begleiten.
Unser Mitgefühl gilt allen, die ihm nahestanden.
Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
im Namen aller Kolleginnen, Kollegen, Studierenden und Ehemaligen