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„Woran forschen Sie gerade, Frau Professor Grote?“

„Woran forschen Sie gerade, Frau Professor Grote?“

Wissenschaft ist wichtig – und sie verständlich darzustellen ebenso. Wie lässt sich gesellschaftliches Vertrauen in die Wissenschaft stärken? Indem die Akteure über ihre Forschungsvorhaben, -methoden und -ergebnisse berichten. Im aktuellen Beitrag: Prof. Dr. Ulrike Grote, Leiterin des Instituts für Umweltökonomik und Welthandel der Leibniz Universität Hannover zum Projekt „Poverty dynamics and sustainable development: A long-term Panel Project in Thailand and Vietnam 2015-2024“.

 

Wie erklären Sie einem Laien den Kern und die Relevanz Ihres aktuellen Forschungsvorhabens?

Die Überwindung von Armut ist eine der großen Herausforderungen der Gegenwart. Sie kann nur gelingen, wenn die Menschen gleichberechtigten Zugang zu Arbeit, Bildung und Gesundheitsversorgung haben, in Frieden und Sicherheit leben und auf die Gewährung ihrer Rechte vertrauen können.

Meiner Forschung liegt ein ganzheitliches Verständnis von Armut zugrunde. Nur durch eine nachhaltige Entwicklung kann weltweit wirtschaftlicher Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde gestaltet werden. Ich forsche gegenwärtig zu Armut und nachhaltiger Entwicklung im ländlichen Thailand und in Vietnam, aber auch in Tansania.

Schocks, wie z. B. Überschwemmungen und Dürren, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen, häufen sich und werden immer unberechenbarer. Die Betroffenen reagieren mit unterschiedlichen Anpassungsstrategien, von denen einige die ungehinderte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen steigern. So werden der Klimawandel und damit einhergehende Schocks verstärkt. Familien bzw. Haushalte geraten unter Umständen in sogenannte Armutsfallen und Ressourcen wie Land, Wasser und Wälder werden weiter übernutzt. Dadurch wird nicht nur die künftige Erzeugung von Nahrungsmitteln gefährdet, sondern auch der Erhalt der Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten.

Die Ursachen des Klimawandels sind menschengemacht und seit langem bekannt. Sie umfassen Treibhausgasemissionen vor allem aus der Nutzung von fossilen Energieträgern aber auch aus der Landwirtschaft infolge von Landnutzungsänderungen, der Tierproduktion oder auch intensiver Düngung. Verantwortlich sind in erster Linie die Industrieländer, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten in erheblichem Maße zu den Emissionen und einem hohen Ressourcenverbrauch beitragen. So hat uns am 22. August 2020 der sogenannte Erdüberlastungstag, berechnet vom Global Footprint Network, in Deutschland daran erinnert, dass wir an diesem Tag bereits die gesamten nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde für das ganze Jahr verbraucht haben. Würden alle Länder so wirtschaften wie Deutschland oder die USA, bräuchten wir drei bzw. fünf Planeten.

Es müssen Lösungsansätze und Strategien gefunden werden, die nachhaltig sind. Hierbei spielen Konkurrenzen zwischen Klimaschutz, Welternährung und Erhalt der Natur, die in Einklang zu bringen sind, eine besondere Rolle.

 

Wie lautet Ihre Forschungsfrage und welcher Methoden bedienen Sie sich?

Es sind zwei Fragen, die in verschiedenen Projekten - sowohl in Asien als auch in Afrika - immer wieder auftauchen: „Welche Auswirkungen haben Schocks auf das Einkommen und die Lebensverhältnisse von auf dem Lande lebenden Familien und Individuen? Und wie geht die ländliche Bevölkerung mit diesen Schocksituationen um?“ Ich betrachte nicht nur Umweltschocks wie Überschwemmungen, Dürren oder Stürme. In den letzten Wochen habe ich mich auch mit der Frage beschäftigt, inwieweit ländliche Bewohner Opfer von Straftaten, insbesondere Diebstahl, geworden sind. Auch diese stellen eine Art Schock dar und können die Entwicklung ländlicher Räume negativ beeinflussen.

Wir arbeiten am Institut für Umweltökonomik und Welthandel mit selbst erhobenen Primärdaten von Haushalten, die mehrmals über einen längeren Zeitraum befragt wurden. Weitere Befragungsrunden sind für die Zukunft geplant. Methodisch wenden wir überwiegend ökonometrische Modelle an, allerdings auch gepaart mit Daten der Geoinformationssysteme (GIS), sowie optimierungs- und agenten-basierten Modellen.

 

Welche Ergebnisse und Anwendungsmöglichkeiten erwarten Sie?

Wir haben bereits sehr interessante Ergebnisse ermittelt. Beispielsweise hat sich gezeigt, dass die Land-Stadt Migration in der Vergangenheit in Vietnam eine Überlebensstrategie der ländlichen, von Umweltschocks betroffenen Haushalte war. Das heißt, dass einzelne Haushaltsmitglieder von ihren Familien zum Geldverdienen in die Stadt geschickt wurden. Mit COVID-19 hat sich der Trend übrigens wieder umgekehrt, da die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Stadt stark zurückgegangen sind.  Infolgedessen hat sich der Druck auf die natürlichen Ressourcen auf dem Lande wieder erhöht.

In der Forschung zur Kriminalität in Entwicklungsländern erwarten wir z. B. in Tansania hohe Viktimisierungszahlen – in Afrika wohl noch etwas höher als in Asien – und nicht unerhebliche negative Effekte für die Entwicklung der ländlichen Regionen.

 

Mit welchen Mitteln finanzieren Sie Ihr Forschungsprojekt?

Die Forschung in Südostasien wird aus unserem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Langzeitprojekt „Poverty dynamics and sustainable development: A long-term Panel Project in Thailand and Vietnam 2015-2024“ (TVSEP) finanziert. Auch meine Kollegen Hermann Waibel und Stephan Thomsen sind an diesem Langzeitprojekt beteiligt. Die Forschung in Tansania basiert auf einem Projekt, das überwiegend vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wurde und nun mit eigenen Mitteln vorangetrieben wird.

 

Welches Problem in Ihrem Forschungsalltag ließe sich nach Ihrer Meinung ohne Geld lösen?

Ich denke, dass eine verstärkte Vernetzung von Forscherinnen und Forschern, insbesondere auch unterschiedlicher (Sub-)Disziplinen, sehr viel zur Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsforschung beitragen kann. So hat sich an unserer Fakultät der Forschungsschwerpunkt „Nachhaltige Globalisierung: Umwelt, Handel, Migration und Entwicklung“ etabliert, der auch auf der Grundlage des TVSEP-Projekts neue Lösungen vorschlagen soll. Auch das LUH-Forschungszentrum „Räumliche Transformation – Zukunft für Stadt und Land“ (TRUST), an dem die Fakultät beteiligt ist, fördert z. B. eine solche inter- und transdisziplinäre Forschung zur Nachhaltigkeit.

 

In der wissenschaftlichen Praxis ist Versuch und Irrtum ein grundlegender Lern- und Erkenntnisprozess. Eine gesunde Fehlerkultur entlastet. Wir möchten daher Antworten auf die Frage „Was ist schiefgelaufen?“ veröffentlichen. Gibt es in Ihrer akademischen Laufbahn eine persönliche „Geschichte vom Scheitern“ und wenn ja, was können andere aus ihr lernen?

Natürlich läuft nicht immer alles rund. Es kommt vor, dass tolle Ideen im Sande verlaufen oder angefangene Artikel nicht fertig werden, weil einfach die Zeit fehlt. Oder man stellt nach der Durchführung einer umfassenden Befragung fest, dass bestimmte Variablen fehlen oder keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Können andere daraus lernen? Ja, man kann daraus lernen. Manchmal hilft schon eine kleine Umformulierung einer Frage. Oder die Diskussion im Team beleuchtet Facetten einer Fragestellung, die man vorher selbst nicht so gesehen hat. Das macht auch den Reiz der Forschung aus – insbesondere, wenn es um angewandte Forschung mit Primärdaten geht.

Vielen Dank für Ihre Auskünfte.

 

Die Fragen stellte Birgitt Baumann-Wohlfahrt.