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Wissenschaftler erforschen Folgen einer Pandemie für ländliche Haushalte Thailands

Wissenschaftler erforschen Folgen einer Pandemie für ländliche Haushalte Thailands

© TVSEP
Seit 2007 geben Mitglieder aus 2.200 Haushalten bereitwillig Auskunft – wenn nötig, auch in einer Arbeitspause am Feldrand.

Seit 14 Jahren liefert das ‚Thailand Vietnam Socio Economic Panel‘ (TVSEP) einzigartige sozio-ökonomische Primärdaten zu den Lebensumständen der Landbevölkerung in Thailand und Vietnam. Forscherinnen und Forschern der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist es jetzt gemeinsam mit ihren Partnern an der Ubon Ratchathani University (UBU) gelungen, trotz der Pandemie in Nordostthailand eine Befragung über die Auswirkungen von Covid-19 durchzuführen.

„Die Umfrage im November und Dezember 2020 war eine gewaltige Herausforderung, da mein Team und ich, nicht wie sonst bei den Befragungen üblich, nach Thailand reisen konnten. Wir mussten deshalb alle Schulungen der Befragungsteams und die Supervisionen zur Erhebung und Weiterleitung der Daten in Online-Formaten organisieren“, beschreibt Prof. Dr. Hermann Waibel, Projektleiter und Direktor des Instituts für Entwicklungs- und Agrarökonomik der Leibniz Universität Hannover die Situation am Ende des vergangenen Jahres.

Mehr als 50 Projektmitglieder, darunter 11 Professorinnen und Professoren, Doktorandinnen und Doktoranden sowie wissenschaftliche Mitarbeiter und studentische Hilfskräfte der Leibniz Universität, waren an dem Vorhaben beteiligt. Berücksichtigt man, dass die Umfrage unter den Bedingungen einer Pandemie und in Übereinstimmung mit den staatlichen Regeln zum Schutz vor Covid-19 durchgeführt werden musste, so waren die Organisation und die Ergebnisse bemerkenswert.  Vier Wochen lang interviewten parallel drei Teams die 820 Panel-Haushalte in der Provinz Buri Ram und vier Teams befragten die 980 Haushaltsvorsteher in Ubon Ratchathani. In der 5. Woche waren die 400 Haushalte der Provinz Nakhon Phanom an der Reihe. Von den 2.200 Haushalten, die seit Beginn des Projektes im Jahr 2007 zum Panel gehören, konnten 2.141 erfolgreich befragt werden. Lediglich acht Haushalte verweigerten ihre Zustimmung zur Befragung. Beim Rest lagen andere Gründe wie Krankheit oder Abwesenheit vor. In Anbetracht der Tatsache, dass das Panel bereits seit 14 Jahren besteht, ist dies ein sehr gutes Ergebnis und zeigt eine erfreuliche Kooperationsbereitschaft der Haushalte.

Die Datenerhebung folgte einem strengen Prüfverfahren. Die Fragebögen wurden unmittelbar nach Beendigung des Interviews in Thailand auf einem eigens dafür eingerichteten Server an der LUH hochgeladen. Daraufhin wurden diese online von studentischen Hilfskräften und wissenschaftlichen Mitarbeitern geprüft und, falls erforderlich, auf die Tablets der Befrager zur Korrektur zurückgeschickt. In einer zweiten Runde wurden die Fragebögen von der TVSEP-Leitung noch einmal überprüft, bevor sie in die Datenbank aufgenommen wurden. 

Die Qualität des Datensatzes wird durch einige statistische Angaben belegt. So dauerte ein Interview im Durchschnitt zwischen 44 und 62 Minuten. Während die Datenprüfungsassistenten in der ersten Erhebungswoche 72% der Fragebögen mit meist nur geringfügigen Problemen nach spätestens 24 Stunden an die Tablets der Befragungsteams zurückgeben konnten, waren dies in der letzten Woche nur noch 38%. Gleiches gilt für die zweite Überprüfung durch die TVSEP-Zentrale, die von 24% in der ersten Woche auf nur 1% in Woche 5 zurückging. Im Durchschnitt erforderten 53% der Fragebögen einige Klarstellungen und 11% mussten eine zweite Korrekturrunde durchlaufen, die mittels eines automatisierten simultanen Datenbereinigungsverfahrens durchgeführt wurde.

Die gewonnenen Daten bieten einzigartige Einblicke in die direkten Auswirkungen von Covid-19 auf ländliche Haushalte während und nach der ersten Welle der Pandemie. So lassen sich beispielsweise Rückschlüsse auf den kurz- und mittelfristigen Nutzen der Covid-19-Unterstützungsmaßnahmen der thailändischen Regierung ziehen. Die Daten geben außerdem Auskunft, wie sich der Trend zur Land-Stadt Migration unter pandemischen Bedingungen verändert. Haushaltsmitglieder, die von ihren Familien zum Geldverdienen in die Stadt geschickt wurden, finden unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Das bemerkenswerteste Ergebnis der Umfrage ist, dass in keinem der 2.141 befragten Haushalte bislang eine Covid-19-Infektion aufgetreten ist.

Dass mit Hilfe eines Teams von insgesamt 50 hochmotivierten Projektbeteiligten nicht nur beachtliche Forschungsergebnisse erzielt, sondern auch wertvolle Hinweise „aus dem Feld“ generiert werden können, beweist eine E-Mail, die Hermann Waibel Ende Dezember von einem Mitglied eines Befragungsteams erhielt: „Vielen Dank für die Fürsorge des TVSEP-Teams und eine großartige Erfahrung wie diese.“

 

Zum ‚Thailand Vietnam Socio Economic Panel‘ (TVSEP):

Das TVSEP ist ein Langzeitprojekt, das auf einer repräsentativen Erhebung von 4.400 Haushalten in 440 Dörfern ländlicher Regionen Thailands und Vietnams beruht. In acht Panelwellen wurden bislang Daten über etwa 22.000 Personen und deren Lebensumstände, Wertvorstellungen, Persönlichkeitseigenschaften und den sozio-ökonomischen Wandel im ländlichen Raum erhoben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt, das der sozial-, verhaltens- und wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenforschung für Entwicklungs- und Schwellenländer seit 2007 einen einzigartigen Datensatz bietet, mit durchschnittlich fast 500.000 € im Jahr. Die DFG hat weitere Mittel bis 2027 in Aussicht gestellt. https://www.tvsep.de/

 

Autorin: Birgitt Baumann-Wohlfahrt