News & VeranstaltungenThemenbühne
„Durch das Amt habe ich den berühmten Blick über den Tellerrand hinaus bekommen.“

„Durch das Amt habe ich den berühmten Blick über den Tellerrand hinaus bekommen.“

 

Auch das Wintersemester 2020/21 ist ein digitales. Dies wird insbesondere für die 650 Studienanfänger, die am 12. Oktober ihr Studium in den Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsingenieur aufgenommen haben, herausfordernd.   Kay Blaufus gab Auskunft, welches Angebot den Erstsemesterstudierenden helfen wird, wie ein Mix aus digitaler und Präsenzlehre zukünftig gelingen kann und welche persönliche Bilanz er nach vier Jahren als Studiendekan zieht.

 

Herr Professor Blaufus, die Leibniz Universität startet in dieser Woche in das zweite Semester unter den Bedingungen einer Pandemie. Der Präsident der Universität hat im März dieses Jahres Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf eingeschworen, gemeinsam die anstehenden Probleme mit Engagement, Kreativität, Solidarität und Durchhaltevermögen zu lösen. Wie hat die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät den Krisenmodus gemeistert?

Die kurzfristige Umstellung auf eine vollständige Online-Lehre im letzten Semester war für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Die Ergebnisse der Lehrevaluation und Gespräche mit der Fachschaft zeigen, dass wir insgesamt sehr erfolgreich waren. Dies liegt daran, dass viele Dozierende mit großem Engagement und Mehreinsatz anspruchsvolle Vorlesungsvideos erstellt haben bzw. synchrone Digitallehre umgesetzt haben. Auch die Studierenden haben mit sehr viel Verständnis reagiert und sich gut eingebracht. Beispielsweise hat die Fachschaft eigene Fragen zur Evaluation der Online-Lehre entwickelt. Aus den Rückmeldungen lernen wir, wie die Online-Lehre im Wintersemester 2020/21 weiter optimiert werden kann.

Wir haben es zudem geschafft, dass die Prüfungen trotz der Corona-Situation unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln ausnahmslos alle durchgeführt werden konnten. Dies war nur möglich, weil sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fakultätsmanagements als auch aus den Instituten die Prüfungsdurchführung mit großem Engagement unterstützt haben. Es war toll zu sehen, wie alle in dieser schwierigen Situation zusammengehalten haben. Auch wenn manche Einsätze bereits morgens ab 6.45 Uhr begonnen haben, waren alle verlässlich und gut gelaunt. An dieser Stelle noch einmal meinen herzlichsten Dank dafür an alle Beteiligten.

 

In der deutschen Hochschullandschaft wurde in den zurückliegenden Monaten kontrovers diskutiert. Wissenschaftler plädierten in einem offenen Brief für ein „Nicht-Semester“.  Es war von „Zwangsdigitalisierung“ und der „Verteidigung der Präsenzlehre“ die Rede. Vertreter der TU9-Allianz dagegen fordern, das Lehren und Lernen zu verändern. Welche Chancen bieten sich nach Ihrer Meinung für Qualität und Didaktik der Lehre, wenn wir jetzt die Erfahrungen analysieren, die traditionelle Präsenzlehre auf den Prüfstand stellen und sie, wo sinnvoll, mit digitalen Lehrformaten verknüpfen?

Die Erfahrungen mit der Onlinelehre zeigen, dass es sich lohnt, die traditionelle Präsenzlehre mit digitalen Elementen zu verknüpfen. Sehr positive Erfahrungen haben wir beispielsweise mit dem vorlesungsbegleitenden Üben und Prüfen über das Lernmanagement-System ILIAS gemacht, das Studierende dazu motiviert, sich rechtzeitig mit dem Vorlesungsstoff zu beschäftigen. Auch kann Grundlagenstoff, wie z. B. Buchführung, gut in Lernvideos erklärt werden, so dass man sich in der Vorlesung auf die Diskussion offener Fragen und Probleme konzentrieren kann.

Der Schwerpunkt guter Lehre wird aber an einer Präsenzuniversität wie der Leibniz Universität Hannover auch zukünftig bei der Präsenzlehre liegen. Die Onlineformate können die Präsenzlehre und die persönliche Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden nicht ersetzen, aber auf jeden Fall kann die traditionelle Lehre durch gute Onlineformate bereichert werden.

 

Es ist eine Herausforderung, das erfolgreiche Lernen bei sozialer Distanz zu gestalten. Das betrifft vor allem Erstsemesterstudierende, die das Studienleben noch gar nicht kennen. Was empfehlen Sie Studierenden, um ihren Start unter diesen besonderen Bedingungen möglichst problemlos zu gestalten?

Um den Erstsemestern unserer Bachelorstudiengänge die Möglichkeit zu geben, Kontakte zu Kommilitoninnen und Kommilitonen zu knüpfen und die Universität kennenzulernen, haben wir für sie ein Präsenzangebot konzipiert. Dieses Angebot sieht vor, dass die Erstsemesterstudierenden für einen Präsenztag gleichmäßig über die Wochentage eingeteilt werden. Dieser Präsenztag startet diese Woche mit der sogenannten Orientierungsphase und wird ab dem Vorlesungsbeginn am 19. Oktober mit einem Tutorientag fortgeführt. Die Studierenden wurden in der letzten Woche vom Studiendekanat mit einer persönlichen Mail über die Einteilung auf einen der fünf Wochentage informiert.

Ich möchte den Erstsemesterstudierenden die Teilnahme an diesem Angebot, das wir mit großem Aufwand für sie konzipiert haben, sehr ans Herz legen. So haben sie die Möglichkeit, trotz des überwiegenden Onlineanteils in diesem Semester Kontakte zu knüpfen und sich an der Universität zurechtzufinden.

 

Der Fakultätsrat hat in seiner Sitzung am 1. Oktober die bevorstehende Onlinelehre im Wintersemester 2020/21 diskutiert. Gibt es Veränderungen, die die Studienbedingungen an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät verbessern werden?

Die Ergebnisse aus der Lehrevaluation legen nahe, dass aus Sicht der Studierenden eine Kombination aus synchronem Lehrangebot und Videoaufzeichnungen die bevorzugte Variante ist. Ich rechne daher mit einem vermehrten Angebot solcher Kombinationen.

Zudem haben wir festgestellt, dass die direkte Diskussion zwischen Studierenden und Dozierenden, die besonders bei Seminaren wichtig ist, im Onlineformat nicht so gut funktioniert wie in der Präsenzlehre. Wir haben daher in diesem Semester viele Seminare im Lehrangebot, die in Präsenzform als sogenannte Blockveranstaltung angeboten werden.

 

In wenigen Wochen werden Sie Ihre vierjährige Amtszeit als Studiendekan beenden. Gestatten Sie eine Rückschau - welche sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie in dieser Funktion als Wissenschaftsmanager gesammelt haben?

In den vier Jahren meiner Amtszeit gab es drei große Ereignisse, die für mich prägend waren und aus denen ich viel gelernt habe. Das erste Ereignis war die Umsetzung der Studienreform, die mir deutlich gemacht hat, wie wichtig eine enge und frühzeitige Kommunikation mit den Studierenden ist. Durch Anreize und eine entsprechende Kommunikation ist es uns gelungen, dass nahezu alle Studierenden in den höheren Semestern direkt in die neue Studienstruktur überführt werden wollten. Das zweite prägende Ereignis meiner Amtszeit war die inneruniversitäre Systemakkreditierung unserer Studiengänge und das dritte Ereignis die aktuelle Corona-Situation.

Meine Wahrnehmung in Bezug auf die Gesamtuniversität und die Erkenntnis über die verschiedenen Bedürfnisse der anderen Fakultäten haben sich verändert. Durch das Amt des Studiendekans habe ich den berühmten Blick über den Tellerrand hinaus bekommen.

Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass viele Handlungen in den Kontext der gesamten Universität eingebettet sind.  Die Wünsche der eigenen Fakultät umzusetzen, verlangt, die Komplexität der Entscheidungen und die Vielzahl der daran beteiligten Akteure wie Studierende, das Präsidium, Zentrale Einrichtungen, die anderen acht Fakultäten aber auch die Vorgaben von Land und Bund zu berücksichtigen.

Darüber hinaus habe ich persönlich erfahren, wie exzellent die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Studiendekanats arbeiten. Ich glaube, dass wir hier – auch im Vergleich zu anderen Universitäten – sehr professionell aufgestellt sind.

 

Ihr Nachfolger, Professor Dr. Stefan Wielenberg, ist kein Neuling und bekleidete dieses Amt bereits zwischen 2013 und 2016. Werden Sie ihm trotzdem einen Rat mit auf den Weg geben und wenn ja, welchen?

Da Herr Kollege Wielenberg mein Nachfolger ist, aber vor allem auch mein direkter Vorgänger war, kennt er sich bereits bestens mit der Amtsführung eines Studiendekans aus. Natürlich werden wir uns für eine geordnete Übergabe zusammensetzen, und ich werde ihm einen Umriss der letzten vier Jahre geben. Da er Mitglied der Studienkommissionen Wirtschaftswissenschaft ist, ist er aber sowieso auf dem Laufenden. Auf jeden Fall wünsche ich ihm gutes Gelingen und bin überzeugt, er wird das Amt ein zweites Mal mit großem Engagement und dem nötigen Weitblick ausführen.

 

Vielen Dank für Ihre Auskünfte.

 

Die Fragen stellt Birgitt Baumann-Wohlfahrt.