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Digital gegen das Virus

Digital gegen das Virus

INTERVIEW MIT PROFESSOR DR. JENS ROBERT SCHÖNDUBE, DEKAN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN FAKULTÄT DER LEIBNIZ UNIVERSITÄT HANNOVER.

Das Corona-Virus stellt die Hochschul- und Wissenschaftswelt zurzeit vor große Herausforderungen. Die gebotenen Kontaktbeschränkungen treffen Universitäten und Hochschulen ins Mark, weil Vorlesungen, Seminare, Prüfungen, Laborarbeiten und Hochschulgremien mit physischer Präsenz, zumeist in Gruppen, verbunden sind. Digitalisierung heißt das Gebot der Stunde.

 

 

Herr Professor Schöndube, Sie sind der erste Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, der die Fakultätsgemeinschaft in ein Onlinesemester führt. Mit welchen Gedanken haben Sie sich heute Morgen im Homeoffice an Ihren Schreibtisch gesetzt?

Mittlerweile überwiegt, wenn ich mich morgens an den Schreibtisch setze, schon wieder das professionelle Interesse an den Themen und Aufgaben des Tages. In der Anfangsphase der Pandemie war das anders. Da habe ich viel Zeit damit verbracht, im Internet die aktuellen Infektionszahlen zu recherchieren und auf dieser Basis zu planen. Die Planungen konnte ich dann immer schnell wieder verwerfen. Ich hoffe jedenfalls dringlich, dass ich am Ende meiner Amtszeit im November nicht auch noch im Homeoffice sitze.

 

In den Instituten und Dekanaten wurde in den vergangenen Wochen mit Hochdruck daran gearbeitet, die Lehre in den virtuellen Raum zu überführen. Der Präsident der Universität forderte in der vergangenen Woche für die Studierenden „ein ebenso förderndes wie forderndes Semester“. Welche Maßnahmen stehen noch an, um aus einem Notprogramm durchdachte digitale Lehrkonzepte entstehen zu lassen?

Zunächst einmal bin ich sehr beeindruckt davon, wie die Fakultät mit dieser Situation umgeht. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr engagiert und kreativ in Bezug auf digitale Lehrformate. Mich betrübt momentan, dass die hohen Ansprüche und Ideen vor allem aus datenschutzrechtlichen Gründen technisch nicht immer umgesetzt werden können. Da sind auf dem Weg vom Notprogramm zur professionellen digitalen Lehre noch einige Schritte zu gehen.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Instituten und in der Fakultätsverwaltung tragen in hervorragender Weise dazu bei, dass die Fakultät auf hohem Niveau in Forschung, Lehre und Administration arbeitsfähig ist. Die Lehre beginnt jetzt erst wieder und es bleibt abzuwarten, wie die Studierenden die Formate annehmen. Ihre Rückmeldungen werden auf jeden Fall notwendig sein, um für die Zukunft durchdachte digitale Lehrkonzepte zu entwickeln und während des aktuellen Semesters notwendige Anpassungen vorzunehmen.

Ich habe in der vorlesungsfreien Zeit mit Studierenden insbesondere im Hinblick auf die Betreuung von Abschlussarbeiten Kontakt gehabt. Da momentan keine Präsenzsprechstunden möglich sind, ist das vor allem für die Studierenden keine leichte Situation. Trotzdem habe ich bei allen ein sehr konstruktives Umgehen mit der Situation erlebt.  Es wird in der nächsten Zeit nicht alles sofort klappen, aber ich bin dennoch sehr zuversichtlich, dass wir das Semester vernünftig gestalten können.

 

Wie werden der allerorts spürbare digitale Innovationsgeist aber auch die neuen Formen der Arbeitsorganisation die Fakultät nach Ihrer Meinung verändern?

Mein erster Eindruck nach einer Woche im Sommersemester ist: Die Dauer der offiziellen Gremiensitzungen hat sich durch das digitale Format um knapp 30% reduziert. Das muss nichts Schlechtes sein. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft einige bisherige Präsenzveranstaltungen, z. B. in der Forschungskommunikation, digital abgehalten werden, da nach diesem Semester alle mit den digitalen Möglichkeiten und den technischen Anwendungen vertraut sein werden. Ich glaube aber, dass der persönliche Kontakt in Präsenzveranstaltungen und bei persönlichen, nicht-virtuellen Treffen weiterhin sehr wichtig sein wird. Zwischentöne, Mimik und Gestik kann man so besser aufnehmen und die Diskussion komplexer Probleme ist in der virtuellen Welt aus meiner Sicht schwierig. Aber vielleicht gewöhnt man sich daran.

 

Es ist ohne Zweifel eine Herausforderung, das erfolgreiche Lernen bei sozialer Distanz zu gestalten. Die Studierenden werden deshalb regelmäßig durch E-Mails des Studiendekans über die aktuelle Situation informiert. Was empfehlen Sie Ratsuchenden bei ganz individuellen Problemen?

Zögern Sie nicht, um Beratung und Hilfe zu bitten. Der Verzicht auf persönliche Kontakte zu Kommilitoninnen und Kommilitonen, Lehrkräften und auf das Campusleben verändern die üblichen Abläufe und das Lernen. Ich glaube, dass die optimale Struktur für das Lernen in dieser Situation individuell unterschiedlich ist; wie unter normalen Bedingungen auch. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Studierenden schnell gute Lösungen finden, um Kontakt zu halten und um im Team zu arbeiten und zu lernen. Was die Kompetenz bei der Nutzung von digitalen Formaten angeht, liegen die Studierenden ja weit über dem Durchschnitt. 

Aber zurück zu den Beratungsangeboten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Studiendekanats geben auch jetzt per E-Mail oder telefonisch Rat bei allen individuellen Fragen rund um das Studium. Die Studienanfängerinnen und Studienanfänger möchte ich ermuntern, bei Fragen und Problemen das Angebot im Rahmen des Mentoring-Programms zu nutzen. Schließlich möchte ich auch noch auf die Psychologisch-Therapeutische Beratung für Studierende (PTB) hinweisen. ‚Stressbewältigung‘ oder ‚Studienabschlusscoaching‘ sind zum Beispiel Themen, zu denen Studierende sich auch in diesen Wochen per Live-Chat beraten lassen können.

 

Vor einigen Tagen titelte ZEIT Online „Ist das unser neuer Kanzler?“ und bezog sich damit auf Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité. Wissenschaftlern, die die Bundesregierung in Corona-Fragen beraten, fliegen in der Öffentlichkeit momentan die Herzen zu. Sie berichten in klarer, verständlicher Weise über aktuelle Forschungsergebnisse, ordnen ein und bespielen eigene Blogs und Podcasts. Was können in der jetzigen Situation alle diejenigen Forscher zu guter Wissenschaftskommunikation beitragen, die keine Virologen oder Epidemiologen sind?

Während zunächst fast nur Virologen und Epidemiologen in der Öffentlichkeit gefragt waren, kommen zunehmend auch andere Gruppen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu Wort, z. B. Statistiker, Pathologen aber vor allem auch Ökonomen. Gerade Ökonomen können jetzt die Konsequenzen unterschiedlicher Szenarien und gesetzlicher Regelungen auf die Volkswirtschaft als Ganzes oder für bestimmte Teilbereiche quantifizieren und damit politische Entscheidungsträger beraten.

Mir ist es aber auch wichtig zu betonen, dass gute Wissenschaftskommunikation exzellente wissenschaftliche Analysen voraussetzt. Wir sind diesbezüglich an der Fakultät hervorragend aufgestellt. Da uns die Konsequenzen aus der Corona-Pandemie noch länger beschäftigen werden, wird es auch in der Zukunft noch einige sehr relevante wirtschaftswissenschaftliche Fragestellungen zu diesem Thema geben, die wir zum Teil im Moment noch gar nicht vollständig absehen können. Ich bin mir sicher, dass die Fakultät aus unterschiedlichen Richtungen und Fachgebieten Lösungen für diese Fragen präsentieren wird.

 

Vielen Dank für Ihre Auskünfte.

 

Die Fragen stellte Birgitt Baumann-Wohlfahrt